In Estland bereiten sich Nato-Soldaten auf den Ernstfall vor: einen russischen Angriff auf das Verteidigungsbündnis. Die jüngsten Drohungen aus Moskau in Richtung Baltikum haben das Gefühl akuter Bedrohung erhöht. Die Nato weiß, dass sie an einer Stelle besonders verwundbar ist.
Dieser Artikel ist in der Welt am Sonntag und auf welt.de erschienen (siehe unten).
Blau-gelbe Fahnen und Lichtinstallationen sowie Stände, die Merchandise-Produkte mit dem Schriftzug „Stand with Ukraine“ anbieten – in der estnischen Hauptstadt Tallinn ist die Solidarität mit der Ukraine ein auffälliger Teil des Stadtbildes. Die Invasion der russischen Truppen ist hier seit Beginn des Angriffskrieges am 24. Februar täglich Thema.
Denn auch das kleine EU-Land Estland grenzt an die Russische Föderation. Knapp 300 Kilometer lang ist die Grenze im Osten der Europäischen Union. Die Präsenz des mächtigen Nachbarn hängt wie ein Damoklesschwert über dem Land. Die Esten reagieren auf die gefühlte Bedrohung mit einem makaber anmutenden Humor. Urlaub planen, sagen hier viele, das sei gerade schwer bis unmöglich. Man könne ja nicht wissen, wann der Krieg ausbreche.
Eine knappe Autostunde entfernt in der Stadt Tapa im Norden des Landes bereiten sich die Nato-Streitkräfte der sogenannten Enhanced Forward Presence (EFP) auf eben jenes Szenario vor: einen russischen Angriff auf Estland und damit auf das Verteidigungsbündnis.
Es ist ein sonniger Tag Anfang Juni. Auf der größten Militärbasis des Landes laufen Soldaten eine Strecke von etwa 25 Metern ab, in voller Montur, den Nachbau der rund zwölf Kilogramm schweren Panzerabwehrlenkwaffe NLAW auf der Schulter. Ein Soldat begrüßt seinen ins Ziel kommenden Kameraden mit Handschlag. Bei dieser Übung sollen die Soldaten ihre körperliche Leistungsfähigkeit unter Beweis stellen.
„Es gibt einen nervigen Spruch, mit dem man sich sehr unbeliebt bei uns Soldaten macht“, erklärt Oberstleutnant Rupert Streatfield. Der Kommandeur des 1. Bataillons der britischen Royal Welsh Battlegroup, die derzeitige Führungsnation der Kampftruppe, sitzt an einem den Raum dominierenden u-förmigen Holztisch im Hauptquartier der EFP. „Er lautet: ‚Eure einzige Aufgabe hier ist es, als Stolperdraht zu dienen.‘“ Streatfield übersetzt: „Wir sollen also bloß hier sein und darauf warten zu sterben.“
Ein Stolperdraht, ein Hindernis, das den russischen Angreifer ins Straucheln bringt – grob vereinfacht könnte man die Mission der EFP in der Tat so beschreiben. In Wahrheit jedoch ist ihre Aufgabe weitaus komplexer – und seit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine überlebenswichtig für die Nato.
Die Kampftruppe besteht seit 2016, als Antwort auf die Annexion der Krim und den folgenden Krieg in der Ukraine im Jahr 2014. Sie setzt sich aus sogenannten Battlegroups zusammen, bestehend aus jeweils rund 1000 Soldaten, die in vier Staaten an der Nato-Ostflanke stationiert sind: in Polen, Estland, Lettland und Litauen. Ihre Aufgabe: den russischen Aggressor abschrecken, die Region stärken und im Ernstfall verteidigen, bis Verstärkung anrückt.
Weil die Nato-Russland-Grundakte eine dauerhafte, substantielle Stationierung alliierter Truppen in Osteuropa untersagt, rotieren die multinationalen Einheiten im halbjährlichen Rhythmus. Ein völkerrechtlich bindender Vertrag ist die Akte allerdings nicht, sondern eine Absichtserklärung. Obwohl Moskau 2008 mit dem Georgienkrieg und 2014 mit der Annexion der Krim gegen die Grundakte verstoßen hatte, hielt sich die Nato bislang an deren Prinzipien.
Das könnte sich jedoch bald ändern. Auch die Bundeswehr ist an der EFP beteiligt, sie führt derzeit die Battlegroup in Litauen an, in Estland sind Streitkräfte aus Großbritannien, Dänemark und Frankreich stationiert. Mit der Bereitstellung von Soldaten der Partnerländer an ihrer Ostflanke sendet die Nato die klare Botschaft in Richtung Moskau: Ein Angriff auf das Baltikum wird als Angriff auf das gesamte Bündnis verstanden.
Die Mission der EFP fasst Streatfield in drei Worten zusammen: abschrecken, beruhigen, verteidigen. „Das Schwierigste ist die Verteidigung im großen Maßstab. Um dies effektiv tun zu können, müssen wir eben diese Fähigkeit kommunizieren. Das ist Abschreckung“, erklärt er. Ein Teil davon sei „die Beruhigung, indem wir unseren Verbündeten und dem estnischen Volk versichern, dass wir glaubwürdig und fähig sind“.
Wie ernst der Kommandeur diesen Auftrag nimmt, ist unschwer zu erkennen. Im Gespräch mit WELT AM SONNTAG lässt Streatfield keine Gelegenheit aus, um die Verteidigungsfähigkeit der Battlegroup zu bekräftigen. Mantrahaft wiederholt er Sätze wie: „Wir sind bereit.“
Dass der Krieg in der Ukraine für viele Mitglieder der Kampftruppe der erste ihres Lebens als Soldat ist, stellt für die EFP eine Herausforderung dar. „Meine Soldaten waren zu Zeiten des 11. September, geschweige denn des Kalten Krieges, noch nicht einmal geboren. Es wäre also unfair, von ihnen zu erwarten, Abschreckung zu verstehen“, sagt Streatfield. Wie wichtig ihre Aufgabe für Europa und das Verteidigungsbündnis ist, hätten die meisten erst durch die Medienberichterstattung so richtig erfassen können.
Spätestens am 24. Februar hat sich gezeigt, dass die Präsenz der Streitkräfte an der Ostflanke für die Nato unerlässlich ist. Insbesondere die sogenannte Suwalki-Lücke gilt als Achillesferse der Nato. Im Falle eines russischen Angriffs müssten westliche Streitkräfte militärisches Gerät durch einen etwa 100 Kilometer langen Grenzabschnitt vom Dreiländereck Litauen–Polen–Belarus zum Dreiländereck Litauen–Polen–Russland (Kaliningrad) transportieren. Militäranalysten befürchten, Russland könnte die baltischen Staaten an der Suwalki-Lücke vom Rest des Bündnisses isolieren.
Dass die wachsenden Sorgen in der Region nicht grundlos sind, das demonstrierten nicht zuletzt die aktuellen Signale aus dem Kreml in Richtung Baltikum. Machthaber Wladimir Putin nutzt jede sich bietende Gelegenheit, die nationale Souveränität der baltischen Staaten infrage zu stellen.
Auf ein Nato-Manöver in der Ostsee Anfang des Monats antwortete Putin mit einer Truppenübung seiner Baltischen Flotte – eine klare Machtdemonstration. Vergangene Woche meldete sich der Abgeordnete der Regierungspartei Geeintes Russland, Jewgeni Fjodorow, zu Wort. In einem Gesetzentwurf, den der Putin-Hardliner der Staatsduma vorlegte, heißt es, Russland müsse als Rechtsnachfolger der Sowjetunion Litauen seine Unabhängigkeit aberkennen.
Der Westen reagiert auf die Drohungen aus Moskau. Bei einem Treffen in Brüssel am Mittwoch machten die Nato-Verteidigungsminister noch einmal klar, dass die Verteidigung der Ostflanke höchste Priorität hat. Laut Nato-Chef Jens Stoltenberg soll auf dem Gipfeltreffen des Bündnisses Ende Juni in Madrid beschlossen werden, die bereits existierenden Gefechtsverbände vor Ort zu verstärken und Strukturen aufzubauen, die es der Nato ermöglichen, sie im Fall einer konkreten Bedrohung schnell mit weiteren Kräften von außen aufzustocken.
Auf seiner Litauen-Reise Anfang des Monats hatte Bundeskanzler Olaf Scholz bereits angeboten, die deutsche Truppenpräsenz in dem baltischen Land weiter auszubauen. Künftig könnte nach Angaben aus Regierungskreisen eine Kampfbrigade mit schwerem militärischem Gerät bereitgehalten werden, wobei allerdings nur ein Teil in Litauen stationiert werden soll.
Auch die estnische Battlegroup unter Leitung von Kommandeur Streatfield ist kurz nach Ausbruch des Krieges um 200 französischen Soldaten aufgestockt worden, in Großbritannien wird ebenfalls über eine stärkere Präsenz an der Ostflanke diskutiert.
In einer Lagerhalle auf der Militärbasis in Tapa dröhnt dänische Popmusik aus den Lautsprechern. Eine Gruppe junger Soldaten ist in ein Gespräch vertieft, ein paar Meter weiter lässt ein Soldat seine Beine von einem Radpanzer des Modells Piranha 5 hängen und beobachtet seine Kameraden. Ein Krieg im Baltikum, die Möglichkeit, dass Putins Invasion der Ukraine nur der Anfang ist, scheint für einen Moment weit entfernt.
Kommandeur Streatfield jedoch zeichnet ein ganz anderes Bild. „Wir sind immer in höchster Alarmbereitschaft“, stellt er unmissverständlich klar. „Die EFP trainiert hier seit 2017, unsere Mission hat sich nicht verändert.“ Und doch gibt es auch für den Kommandeur und seine Soldaten ein vor und ein nach dem 24. Februar. „Der russische Angriff hat gezeigt, dass bloße Abschreckung nicht immer ausreicht. Und dass es wichtig ist, immer bereit zu sein.“ Auch wenn sie alle hoffen, dass es nicht so weit kommen wird.

