„Wir werden kämpfen, selbst wenn Putin zu Nuklearwaffen greift“

Wladimir Putin führt mit seinem Angriffskrieg auf die Ukraine auch einen Feldzug gegen LGBT-Personen. Für ihn repräsentieren sie gefährliche „Pseudowerte“ des Westens. Trotz der Bedrohung bleiben viele von ihnen im Land – und wehren sich.

Dieser Artikel ist auf welt.de erschienen.

Seit Krieg in seinem Heimatland herrscht, meidet Anton Levdyk die Straßen. Nicht etwa, weil er befürchtet, Opfer eines Beschusses zu werden. Er sorgt sich, dass das medizinische Gutachten, das ihn von der Wehrpflicht befreit, in der außerordentlichen Kriegssituation nicht anerkannt und er an die Front geschickt wird. Und noch mehr quält ihn ein anderer Gedanke. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie uns finden“, sagt der 44-Jährige am Telefon.

Mit „sie“ meint Anton das russische Militär. „Uns“, das ist die LGBT-Community (Abkürzung für Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender; auch „queer“ genannt), der er als schwuler Mann angehört. „Sie sind sehr homophob, sie werden uns töten, sie werden nicht verhandeln“, sagt Anton.

Für Menschen wie Anton ist die Lage in der Ukraine derzeit besonders bedrohlich. Denn der russische Machthaber Wladimir Putin führt mit seinem Angriff auf die Ukraine auch einen Feldzug gegen LGBT-Personen, die in seinen Augen eine Bedrohung der russischen Nation und ihrer „traditionellen Werte“ darstellen – und die es zu bekämpfen gilt. Das zeigt etwa ein Bericht der „New York Times“ vom Februar.

Unter Berufung auf einen Brief der US-Regierung an die Vereinten Nationen heißt es dort, die USA verfüge über „glaubhafte Informationen“, dass Russland Todeslisten mit Namen ukrainischer LGBT-Aktivisten konzipiert habe. Trotz der Bedrohung durch den russischen Aggressor leisten viele queere Menschen Widerstand.

Viele setzen sich direkt an der Front für ihr Land ein – und das häufig ohne ihre sexuelle Orientierung zu verstecken. In den Sozialen Netzwerken posieren sie in Tarnkleidung und mit Regenbogen-Aufklebern auf ihren AK-47. Insbesondere ein Mann ist für dieses neue Selbstbewusstsein unter queeren Soldatinnen und Soldaten verantwortlich: Viktor Pylypenko.

Der Soldat, der 2014 als Freiwilliger an der Front in der Ostukraine kämpfte, wurde landesweit bekannt, als er sich im Jahr 2018 als erster homosexueller Soldat outete. Ein mutiger Schritt, denn die ukrainische Armee gilt als teilweise homophob. Er gründete eine Gruppe für queere Soldaten und Soldatinnen, der heute auf Facebook über 1800 Menschen folgen.

Auch jetzt kämpft der 35-Jährige an der Front. Es sei wichtig, sich als queere Person aktiv für die Verteidigung der Ukraine einzusetzen. „In Russland herrscht ein hoher Grad an institutionalisierter Homophobie“, erklärt er WELT. „Seit 2014 erbauen wir ein freiheitsliebendes Land, das Menschenrechte wertschätzt. Das russische Regime will unsere Verfassung verbrennen und uns zu Sklaven machen. Das lassen wir nicht zu.“

Doch auch abseits der Kampflinie helfen queere Menschen dabei, die Folgen der Invasion abzufedern. So auch Aktivist Anton, der als Projektmanager bei der LGBT-Organisation Fulcrum UA arbeitet. Eigentlich lebt er in Kiew, doch der Krieg zwang ihn und seinen Partner in die Stadt Lwiw im Westen des Landes zu flüchten. Dort koordiniert er nun die Unterbringung von queeren Menschen. Obwohl er Angst hat, denkt er nicht daran, seine Arbeit niederzulegen. „Wenn ich aufhöre, wenn andere LGBT-Aktivisten aufhören, wer hilft uns dann?“

Welche Bedrohung Putin für queere Menschen in der Ukraine darstellt, zeigt bereits sein Umgang mit ihnen im eigenen Land. Seit 2013 steht die „homosexuelle Propaganda“ vor Minderjährigen – etwa wohlwollende Äußerungen über gleichgeschlechtliche Beziehungen oder simple Aufklärung – unter Strafe. Im Jahr 2020 ließ Putin die Ehe formell und ausschließlich als eine Verbindung zwischen Mann und Frau in der Verfassung festschreiben.

Viele LGBT-Organisation stehen zudem auf einer Liste „ausländischer Agenten“, wodurch ihre Arbeit erheblich erschwert wird. Gewalt gegen queere Menschen ist keine Seltenheit. Im Jahr 2017 gelangte an die Öffentlichkeit, dass Sicherheitsbehörden in der autonomen Republik Tschetschenien Homosexuelle folterten.

Auch Putins Kriegserklärung vom 24. Februar war versetzt mit einer queer-feindlichen Ideologie. So kam Putin in der Fernsehabsprache auf den vermeintlichen Versuch des Westens zu sprechen, die „traditionelle Werten“ Russlands zu zerstören und dem russischen Volk „Pseudowerte“ aufzuzwingen, die „gegen die menschliche Natur selbst gerichtet“ seien.

Politikwissenschaftlerinnen und Aktivsten warnen davor, dass der russische Präsident seine repressive Anti-LGBT-Politik auf die Ukraine ausweiten will. „Tatsache ist, dass der Kreml eine bösartige, homophobe Ideologie als Geopolitik konstruiert hat, und in der offiziellen russischen Rhetorik wird der Krieg in der Ukraine als dessen Fortführung dargestellt“, schreibt Emil Edenborg, Professor für Gender Studies an der Stockholm Universität, im US-Polit-Magazin „Boston Review“.

Putins Kurs kollidiert mit der prowestlichen Entwicklung, die die Ukraine in den vergangenen Jahren durchlebt hat. Zwar leiden LGBT-Personen noch immer unter mangelnder Gleichberechtigung. So ist Homosexualität in der Ukraine seit 1991 legal, eingetragene Partnerschaften und gleichgeschlechtliche Ehen sind es jedoch nicht. Auch ist die Ukraine nicht frei von Gewalt gegen LGBT. Anfang März sollen Unbekannte in die Räumlichkeiten der LGBT-Menschenrechtsgruppe Nash Mir in Kiew eingebrochen sein und Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen angegriffen haben.

Gleichzeitig nimmt die queere Zivilgesellschaft aber insbesondere seit den prowestlichen Maidan-Protesten im Jahr 2014 vermehrt selbstbewusst einen Platz in der Öffentlichkeit ein und kämpft für ihre Rechte. Im Jahr 2019 fand die bislang größte jährlich stattfindende LGBT-Parade „Marsch der Gleichheit“ mit über 8.000 Teilnehmern und Teilnehmerinnen statt. Auch im Angesicht des Krieges ist das Engagement groß.

Hormon-Medikamente werden knapp

LGBT-Organisationen im ganzen Land unterstützen nicht nur die eigene Community, sondern organisieren Hilfslieferungen aus dem Ausland für Zivilbevölkerung und Armee, koordinieren Notunterkünfte und Transporte. „Es bricht mir das Herz, dass wir die Ukraine acht Jahre lang erfolgreich vorangebracht haben und nun alles sabotiert wird“, sagte Aktivist und Journalist Maksym Eristavi der „New York Times“.

In Kiew, wo im Jahr 2019 Menschen in bunter Aufmachung für Gleichberechtigung auf die Straßen gingen, herrschen nun Angst und Zerstörung. Mehr als die Hälfte der Einwohner hat die Stadt bereits verlassen. Nicht so Anastasiia Yeva Domani.

Seit Kriegsbeginn dient die Wohnung der 43-jährigen Aktivistin als Ausgabeort für Hormon-Medikamente, die sie von einer LGBT-Organisation aus dem Ausland bezieht. Die üblichen Lieferketten seien zusammengebrochen, erklärt sie WELT am Telefon. Transidente Menschen benötigen die Hormone dringend, um ihre Transition weiterzuführen. Domani ist selbst trans und arbeitet für die Transgender-Organisation Cohort.

Die Ukrainerin erinnert sich noch lebhaft an den Beginn des Krieges – und das Ende ihres bisherigen Lebens. Am zweiten Tag habe sie miterlebt, wie in dem Wohnkomplex neben ihrem Zuhause eine ballistische Rakete eingeschlagen sei. Nur wenige Meter hätten sie von der Zerstörung getrennt. Trotzdem wolle sie bleiben, sagt sie bestimmt. „Wir werden kämpfen, selbst wenn Putin zu Nuklearwaffen greift. Ich bin 50 Meter von meiner Wohnung entfernt geboren, Kiew ist mein Zuhause.“


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