Ein toter Säugling, Moria, Pushbacks – die EU produziert in der Flüchtlingspolitik Negativschlagzeilen. In Albanien hingegen, Beitrittskandidat, sind afghanische Flüchtlinge in Luxus-Hotels untergebracht. Doch was wie ein Traum klingt, ist für manche kaum noch auszuhalten.
Der Artikel ist auf welt.de erschienen.
An der Adriaküste in Nordalbanien ist die Hitze am Ende der Urlaubssaison kaum auszuhalten. Am Strand des Ferienorts Shengjin verstecken sich Familien unter bunten Schirmen vor der Sonne. Der Geruch von geröstetem Mais. Kinderlachen. Auf der Strandpromenade dröhnt Popmusik aus Barlautsprechern. Urlauber laufen gemächlich über den heißen Asphalt. Die Zeit scheint stehen geblieben. Eine Auszeit vom Alltag – das ist Shengjin.
Während Urlauber in Shengjin Schutz vor der Sonne suchen, hat Walwala Jalalzay ihn hier vor dem Terror gefunden. Die junge Frau sitzt unweit der Promenade auf einer Terrasse, von der aus sich eine Fläche aus gefliesten Pfaden, zwei Poolanlagen und Kunstrasen erstreckt. Umrahmt wird all das von einer Mischung aus Plattenbauten und modernistischen Bauwerken mit Glasfassaden.
Das ist das Rafaelo Resort, eine der größten Luxus-Hotelanlagen in Albanien. Seit elf Monaten lebt die 23-Jährige hier. „Bevor ich ankam, hatte ich noch nie von Albanien gehört“, sagt die junge Frau und lacht. Ihre Stimme ist melodiös, warm. Sie trägt ein rosafarbenes, besticktes Kleid, ein passendes Tuch hängt locker um ihre Schultern und bricht ihr langes dunkelbraunes Haar.
Jalalzay ist keine Urlauberin. Sie ist eine von rund 2400 afghanischen Geflüchteten, die seit August 2021 in Luxus-Hotels an der Adriaküste untergebracht wurden, ein Großteil von ihnen im Rafaelo.
Die ungewöhnliche Unterbringung ist Ergebnis einer Vereinbarung zwischen Albanien und mehreren nichtstaatlichen Initiativen mit dem Ziel Afghanen aus dem Land zu retten – nach dem katastrophalen Abzug westlicher Truppen und der Machtübernahme der Taliban. Albanien dient hierbei als „Transitland“, in dem die Menschen auf eine Weiterreise als Kontingentflüchtlinge in die USA und Kanada warten.
Mit dieser Geste der Gastfreundschaft lässt Ministerpräsident Edi Rama, der zuletzt wegen Korruptionsvorwürfen und Angriffen auf die Pressefreiheit Negativschlagzeilen machte, die europäische Flüchtlingspolitik geradezu beschämend aussehen. Menschenunwürdige Bedingungen im Camp Moria, Ertrunkene im Mittelmeer und jüngst ein toter Säugling in einer Notunterkunft in den Niederlanden sind nur einige Stichworte, offenbarten zuletzt das Versagen Brüssels. Auch Deutschland macht im Hinblick auf seine Afghanistan-Politik keine gute Figur. Noch immer warten tausende afghanische Ortskräfte auf Asyl in Deutschland.
Große Erleichterung bei der Ankunft
„Albanien hat etwas Großartiges getan“, sagt Jalazay, die auf die Weiterreise in die USA wartet. „Ich hatte Angst vor Flüchtlingsunterkünften wie in Katar und Dubai, in denen Menschen unter unwürdigen Bedingungen hausen. Als wir hier ankamen, empfand ich große Erleichterung.“
Ermöglicht wurde das nicht nur durch die albanische Regierung, welche die Unterbringung in den Hotels arrangierte, sondern auch durch sogenannte „Sponsoren“, die für die Kosten aufkommen – gemeinnützige Organisationen wie Vital Voices oder National Endowment for Democracy, aber auch der Fußballverband Fifa.
Doch auch der freundlichste Willkommensgruß kann nicht über zerstörte Träume, eine ungewisse Zukunft und zurückgelassene Verwandte hinwegtrösten. Jalazay kämpft mit Schuldgefühlen. Ihre Eltern sind noch immer in Afghanistan.
Die Gedanken sind bei den Eltern
Die amerikanische NGO, für die Jalazay auch in Shengjin arbeitet, konnte nur sie allein außer Landes bringen. „Es war die schwerste Entscheidung meines Lebens“, sagt sie heute. Mehrmals wöchentlich spricht sie mit ihren Eltern, doch auch das gibt ihr keine Ruhe. „Ich weiß, dass sie leiden.“
So wie ihr geht es vielen hier im Hotel. So kam sie auf eine Idee. Im Frühjahr eröffnete sie gemeinsam mit einer Freundin für einige Monate ein kleines afghanisches Café am Strand. Sie könne den anderen Geflüchteten zwar nicht ihre Familien nach Shengjin bringen, doch zumindest das Essen und die Musik, sagt sie. So konnte sie die vor sich hin tröpfelnde Zeit mit Sinn füllen.
Beschäftigt sein – das ist insbesondere für diejenigen zur Überlebensaufgabe geworden, dessen Zwischenstopp zur Endstation zu werden scheint.Das weiß Naseer Ahmad Karimzai. Der afghanische Geflüchtete wartet seit September vergangenen Jahres in Shengjin auf die Weiterreise in die USA.
Einen halben Kilometer entfernt vom Hotel trifft WELT ihn vor der At-Zef-Pllumi-Schule. Der hochgewachsene, junge Mann begrüßt die Reporterin mit einem schüchternen Lächeln und bittet sie hinein.In einem abgedunkelten Klassenzimmer beginnt er zu erzählen. In seinem alten Leben, bevor die Taliban afghanische Flaggen und Frauen aus der Öffentlichkeit verbannten, leitete der 22-Jährige ein Unternehmen für Software-Entwicklung und studierte Informationstechnologie.
Eine Arbeit, die hier wenig gebraucht wird. Also unterrichtet er Grundschulkinder in Englisch. „Zuvor habe ich monatelang nur geschlafen, gegessen und bin am Strand entlanggegangen“, sagt Karimzai. „Die Arbeit hat meinem Leben einen Sinn gegeben.“
Familienkontakte ermöglichten Karimzai mit Frau und Mutter nach Shengjin zu kommen. Er ist glücklich über die Unterbringung im Rafelo. „Ich dachte, sie würden uns in Zelte stecken – dann landeten wir in einem 5-Sterne-Hotel.“ Gleichwohl fühlt sich der Ort für ihn wie ein sandiges Wartezimmer an.
„Wir alle tragen ein Trauma in uns“
Ein Jahr seines Lebens, wertvolle Zeit, die er in seine Ausbildung hätte investieren können, habe er vergeudet, sagt er ohne den Frust in seiner Stimme verbergen zu können. Am Tag vor dem WELT-Gespräch hätte er eigentlich seinen Studienabschluss gefeiert. Zu sehen, wie seine Freunde nach und nach abreisten, während er und seine Familie weiter in Ungewissheit lebten, belastet ihn.
Und nicht nur ihn. „Wir alle tragen ein Trauma in uns“, sagt Jalazay im Rafaelo. Auf dem Hotelgelände werden die Schatten länger, der Tag neigt sich dem Ende zu. Vor dem Haupteingang des Wohnblocks, in dem laut Jalazay die Mehrheit der Geflüchteten leben, sitzt ein alter Mann mit müden Augen in einem Rollstuhl, Kinder spielen. Eine Frau mit Hidschab eilt mit einem schweren Kochtopf hinein.
„In einem Hotel leben ergibt keinen Sinn“, sagt Jalazay. Es gibt kaum Auswege aus der Langeweile. Viele fänden keine Arbeitsstelle, berichtet die 23-Jährige. Auch die Restaurants und Freizeitangebote könnten keine Ablenkung schaffen, sie seien unbezahlbar für die Geflüchteten.
Zum Strand gehe sie nicht mehr, sagt Jalazay. Das einzige Mal, als sie schwimmen gewesen sei – vollkommen bekleidet, um ihrem religiösen Glauben Respekt zu zollen – habe man sie ausgelacht. „Wie kann man nicht depressiv werden, wenn man den ganzen Tag nichts zu tun hat und nur in seinem Zimmer sitzt?“, fragt sie.
Langzeitfälle wie die der beiden Geflüchteten, mit denen WELT gesprochen hat, seien jedoch selten, sagt ein Vor-Ort-Koordinator, der anonym bleiben möchte. In diesen Fällen wären die Anträge häufig noch nicht vor Ausreise gestellt worden, dadurch sei die Wartezeit länger.
Andere qualifizierten sich nicht für die Hauptprogramme, über die die Geflüchteten einreisen, weil sie nicht für eine amerikanische Organisation arbeiteten. Es soll aber noch niemand final abgelehnt worden sein. In dem Fall könne der Betroffene einen Antrag auf Asyl in Albanien stellen. Eine WELT-Anfrage hierzu blieb von den zuständigen Ministerien unbeantwortet.
Langsam geht das Geld aus
Ein Jahr Ferien, das ist nicht nur für die Geflüchteten eine lange Zeit. Den Sponsoren scheint das Geld nach all den Monaten auszugehen. Im April habe das Rafaelo Reisepässe einiger Geflüchteter eingezogen – eine Antwort auf fehlende Zahlungen der Sponsoren, berichtet Karimzai. Andere Quellen bestätigen dies. Die Geflüchteten reagierten mit einer Demonstration. Nach all den Monaten wollen sie endlich eine Perspektive haben.
Inmitten der Hotelanlage geht die Sonne hinter dem Replikat einer amerikanischen Freiheitsstatue unter. Eine makabre Erinnerung an ein Leben im Irgendwann. Freiheit, darüber denkt Jalazay dieser Tage oft nach. Manchmal, sagt sie, fühle sie einen Stich im Herzen – sie legt ihre Hände auf ihre Brust –, wenn sie auf der Promenade entlanggeht, „Ich sehe die jungen Frauen in schicken Kleidern und Make-up und denke an all diejenigen in meiner Heimat, denen sogar das Recht verwehrt wird, zur Schule zu gehen. Diese Ungerechtigkeit macht mich sprachlos.“
Ihre Heimat, ihre afghanische Identität werden sie trotz allem auch nach Amerika begleiten, sagt sie. Eine Flagge, die sie auf ihre Flucht mitnahm, erinnert sie daran. Irgendwann, so hofft sie, wird sie in einem afghanischen Café in den USA hängen. In ihrem eigenen.
Der Artikel ist auf welt.de erschienen.
