Macht der Pionier der KI-Kunst banale Bildschirmschoner oder Zukunftskunst? Refik Anadols Animationen sind jedenfalls überwältigend. Nun verrät der Liebling der Unterhaltungsbranche, wofür künstliche Intelligenz immer noch zu dumm ist.

Dieser Artikel ist in der Welt am Sonntag und auf welt.de erschienen.

Sind Sie sicher, dass die Stimme am anderen Ende der Telefonleitung echt war? Sind die feinen Linien des Gemäldes, das Ihnen besonders gefällt, wirklich das Werk eines Menschen? Stammt das, was Sie gerade lesen, von einem Menschen oder einer künstlichen Intelligenz (KI)

Im digitalen Zeitalter verschwimmen die Grenzen zwischen Mensch und Maschine. Mit KI-basierten Programmen wie dem Sprachbot ChatGPT und dem Bildgenerator Dall-E ist die Gesellschaft über sich selbst hinausgewachsen.

Diese neu gewonnene überwältigende Grenzenlosigkeit schafft Raum für Hoffnungen und Chancen, aber auch für Ängste. Der Digitalkünstler Refik Anadol lässt sich genau in dieses Vakuum fallen und nutzt es als Spielwiese. In der Londoner Serpentine Gallery kann man ihm derzeit dabei zuschauen. Das Ausstellungshaus präsentiert seine Arbeiten unter dem Titel „Echoes of the Earth: Living Archive“.

Cremige Korallen

Dort schwappt und wabert, suppt und wirbelt es. Auf hallenhohen Bildschirmen explodieren quietschbunte Farbbeutel und setzen sich in Sekundenschnelle zu fluiden Pixelformationen zusammen, so prall und monumental, dass sie fast aus dem Rahmen herauslaufen. Kaum meint das Auge eine Form wiederzuerkennen, verwandelt sie sich in eine andere. 

Cremige Farbwellen brechen, gehen ineinander über und ziehen sich zurück. Untermalt wird dieses Schauspiel akustisch von sphärisch-mystischen Klängen. Die Installationen von „Artificial Realities: Coral“ hypnotisieren und beruhigen, sie verschlucken den Betrachter nahezu. Fast möchte man sich den Fluten hingeben.

Refik Anadol gilt als Pionier in der KI-Kunst. Sein Konzept ist so simpel wie zeitgemäß: Der Künstler lässt seine Werke von KI-Modellen erschaffen. Die Algorithmen, die diesen KI-Modellen zugrunde liegen, nennen sich Generative Adversarial Networks. Sie ermöglichen es, Datensätze zu analysieren und schließlich neue Inhalte zu generieren. Anadol bezeichnet diesen Prozess als „Halluzination“ der künstlichen Intelligenz.

Zusammen mit einem Team trainiert der in Los Angeles lebende Künstler diese Modelle mit Millionen von Datensätzen, vorzugsweise Fotos. Diese stammen dem Künstler zufolge aus frei verfügbaren Quellen oder werden direkt von den Urhebern mit ihrem Einverständnis bezogen. Damit umging er bislang Urheberrechtsstreitigkeiten, mit denen sich etwa die Macher des KI-Bildgenerators Midjourney derzeit herumschlagen.

Refik Anadol stellt in der Serpentine Gallery aus

Für „Artificial Realities: Coral“ fütterte Anadol ein KI-Modell mit beträchtlichen fünf Milliarden Fotos von Korallen. Herauskamen die bunten, wogenden Datenskulpturen. Für ein weiteres Werk, „Living Archive: Nature“, das laut Pressemitteilung bislang „längste 3-D-generierte Naturkunstwerk“, trainierte er ein KI-Modell mit Aufnahmen aus Regenwäldern aus der ganzen Welt.

Die Londoner Ausstellung gibt sich ungewöhnlich politisch. Mit „Artificial Realities: Coral“ wolle Anadol die „Auswirkungen des Klimawandels auf das Korallensterben“ ins Blickfeld rücken, heißt es auf seiner Website. Vor zwei Jahren schlug der Künstler noch einen ganz anderen Ton an. Es gäbe genug Probleme in dieser Welt, sagte er damals dem „Tagesspiegel“. Er kreiere bewusst „schöne Kunst“, die eine „Auszeit von der Realität“ biete.

Seine Projektionen galten lange weniger als gesellschaftskritisch denn als „instagramable“. Ein Attribut, das heute zwar eine wertvolle Währung in puncto Popularität ist, aber nicht unbedingt auf den künstlerischen Wert eines Werkes hinweist. Der „New York Magazine“-Kunstkritiker Jerry Saltz nannte die Projektionen einen „banalen Bildschirmschoner“.

Mittlerweile haben internationale Kulturhäuser jedoch Gefallen an seinen monumentalen Farbwelten gefunden. Seine Projektionen erhellten die Fassade der Casa Batlló von Antonio Gaudí in Barcelona und beleuchten derzeit das Konzerthaus „The Sphere“ in Las Vegas. Die Arbeit „Living Archive: Nature“ wurde dieses Jahr beim Weltwirtschaftsforum in Davos gezeigt. 

Die Kunstmesse Art Basel präsentierte im vergangenen Jahr Anadols „Glacier Dreams“, projiziert auf die Fassade des Theaters. In Deutschland stellte der Digitalkünstler unter anderem in der Berliner König Galerie und im Museum Kunstpalast Düsseldorf aus. Der große Durchbruch gelang Anadol im Jahr 2022 mit einer Ausstellung im New Yorker Museum of Modern Art. 

Das MoMA hatte dem 39-Jährigen seine gesamte Sammlung aus über 200 Jahren Kunstgeschichte als Datensatz angeboten. Daraus entstand die Installation „Unsupervised: Machine Hallucinations“: eine Reihe von überdimensionalen KI-Interpretationen der Sammlung. Seit Oktober ist das Museum offizieller Eigentümer des Werks, inklusive NFT zum Werk.

Anadol will „Grenzen der physischen Realität durchbrechen“

KI-Kunst ist längst Teil des institutionellen Kunstmarkts, das hat der Ankauf von „Unsupervised“ durch das MoMA bewiesen. Und die Szene wächst: Neben Anadol sind es Künstler wie Mario Klingemann, Sougwen Chung und Sofia Crespo, die die digitale Kunst prägen. 

„Ich gehöre zu einer neuen Generation von Künstlern, die die Grenzen der physischen Realität durchbrechen“, sagt Anadol. „Ich kann zwar nicht richtig zeichnen, aber ich kann Algorithmen trainieren, die ein ganzes Universum erschaffen.“ Seine Arbeit beschreibt er als eine „Kollaboration zwischen 50 Prozent Maschine und 50 Prozent Mensch“.

Eine Definition, die die Frage aufwirft, ob Anadols Kunst überhaupt als solche bezeichnet werden kann. Sein Werk, ihm zufolge nur zur Hälfte menschlich, kann einem klassischen Kunstbegriff nicht ganz gerecht werden. Denn Kunst ist nichts anderes als der Exhibitionismus menschlicher Emotionen, sie „ist das Bild des Menschen selbst“, wie etwa der deutsche Künstler Joseph Beuys sagte. Spitzbübisch nimmt Anadol insofern eine Abkürzung zum Endprodukt, befähigt durch den Algorithmus als partner in crime.

Künstliche Intelligenz ist schneller und klüger als der Mensch, sie ist unvergänglich, ihre Kapazitäten sind unendlich. Für sich genommen sind das beneidenswerte Eigenschaften. In der bildenden Kunst werden sie jedoch auch ihrer Schwäche entlarvt. „Selbst die beste KI der Welt kann Kreativität, eine grundlegende menschliche Fähigkeit, nur simulieren“, sagt Anadol.

Aber das kann KI allerdings sehr gut. Die animierten Bildwelten sind mindestens so populär wie konventionelle Kunst; die Ausstellungen des Medienkünstlers sind gut besucht. Über längere Zeit machen es sich Besucher auf Sitzkissen vor den Installationen bequem, das Kinn auf der Hand gestützt, der Blick in die Projektionen versunken. Fast so, als würden sie von dem Blick eines Menschen in den Bann gezogen.


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