Für seine düsteren Visionen hat Paul Lynch den Booker-Preis gewonnen. Er sei eben Realist, beharrt der Ire, als wir ihn in seinem Haus in Dublin besuchen. Um dann zu erklären, warum sich unsere gemeinsame Realität gerade auflöst. Und wohin das neue Stammesdenken führt.
Dieser Artikel ist in der Welt am Sonntag und auf welt.de erschienen.
Die Straße schweigt – eine Stille, wie sie nur der Stadtrand kennt. In einem grauen Reihenhaus hinter einer gelben Tür lebt der Mann, der das Ende prophezeit hat. Paul Lynch, 47, öffnet sie und bittet hinein. Er trägt schwarze Jeans, schwarzes T-Shirt, schwarze Strickjacke. Das Wohnzimmer ist hell: weißer Dielenboden, weiße Wände. Regale voller Bücher und Schallplatten.
Seit fast zwanzig Jahren lebt der irische Schriftsteller in diesem Haus in Dublin. Hier schrieb er den Roman „Das Lied des Propheten“ (Klett-Cotta), sein fünfter Roman, für den er im vergangenen Jahr mit dem Booker-Preis ausgezeichnet wurde, dem renommiertesten Preis für englischsprachige Literatur. Lynch führt in die Küche. Kinderzeichnungen am Kühlschrank, aus dem Radio plätschert Jazz. Er hat eine Duftkerze angezündet und sinniert über die Zukunft der westlichen Zivilisation. „Ich bin nervös“, sagt er. „Das Lied des Propheten“ ist aus diesem Unbehagen entstanden. Der Roman folgt der Protagonistin Eilish Stack, die versucht, ihre Familie zusammenzuhalten, während Irland in ein totalitäres Regime abgleitet. Nach und nach verschlingt das System ihre Familienmitglieder, die Zurückgebliebenen werden zu Flüchtlingen.
Die Lektüre gleicht einem Sprung in die tosende See: Lynchs Stil ein Wellenbruch aus Prosa und Lyrik, der Satzrhythmus ein hypnotisierendes Wogen der Wassermassen, der Verzicht auf Absätze ein Sog, der den Leser immer weiter aufs offene Meer hinauszieht, bis eine Rückkehr ans sichere Land unmöglich erscheint. Ein Buch, in dem man sich verlieren kann.
In der britischen Presse wurde der Roman überwiegend gefeiert: Der „Observer“ nannte ihn das „zentrale Buch unserer Zeit“, der „Guardian“ „kraftvoll, klaustrophobisch und erschreckend real“. Einige wenige Stimmen äußerten sich kritisch: Der „Telegraph“ urteilte, das Buch sei „politische Fiktion in ihrer trägsten Form“.
Fest steht: Das Buch trifft einen Nerv, weil es die Unantastbarkeit westlicher Demokratien infrage stellt. Das ist schmerzlich wie zeitgemäß. Im Vorfeld der Veröffentlichung hatten Verlagsleute um die richtige Bezeichnung für das Werk gerungen. Schließlich einigte man sich auf „dystopischer Roman“ – eine optimistische Umschreibung. Denn wer „Das Lied des Propheten“ liest, sieht unweigerlich Parallelen zur Gegenwart: Kriege, Flucht, Zensur, Wahlbetrug. Er sei kein Optimist, sondern Realist, sagt Lynch. „Das Buch verschließt nicht die Augen vor der Wahrheit, sondern zeigt sie schonungslos. Es ist ein Spiegel, der es erlaubt, die Medusa zu betrachten, ohne zu Stein zu erstarren.“ Der Autor lehnt an einer blaugrauen Küchenzeile, ein Panoramafenster gibt den Blick auf den Garten frei: ein holzvertäfeltes Studio, in dem er liest und schreibt. Ein gelbes Spielhaus. Ein blauer Volleyball auf dem laubbedeckten Rasen. Eine Hängematte, die sich trauernd zusammengerollt dem Winter ergibt. „Ich mache mir Sorgen, in was für einer Welt meine Kinder aufwachsen werden“, sagt er. Sie sind sechs und neun Jahre alt. Er zieht sie gemeinsam mit der inzwischen getrennt von ihm lebenden Mutter im Wechselmodell groß.
Lynch verbringt viel Zeit zu Hause, hier liest er sich in die Welten anderer ein, hier erschafft er eigene. Doch im Moment bleibt ihm dafür wenig Zeit. Auch ein gutes Jahr nach der Preisverleihung ist das Interesse an seiner Person ungebrochen, er ist ständig unterwegs. „Wenn ich in nächster Zeit noch einmal ein Flugzeug von innen sehen muss, werde ich weinen“, sagt er und lacht, obwohl er es nicht lustig meint.
In der Tradition der irischen Gastfreundschaft hat der Autor zum Mittagessen eingeladen. „I feed you“, sagt er, eine gängige Redewendung, die wörtlich „Ich füttere dich“ bedeutet und schön klingt. Lynch kocht gern, oft für seine Kinder. Heute serviert er Kürbis und Parmesan auf Grünkohlsalat. Während er die Vinaigrette anrührt, formt er die Worte, die seine Beklemmung erklären, mit der gleichen Sorgfalt wie in seinen Büchern. „Unsere kollektive Realität löst sich auf. Fachwissen und Objektivität weichen subjektiven Überzeugungen. Gleichzeitig sind wir so entfremdet von uns selbst, dass wir uns nicht mehr hören können – wir lenken uns bis zum Tod ab. Das führt zu Tribalismus.“
Eine solche Fixierung auf den eigenen Stamm, die eigene Blase, werde durch die sozialen Netzwerke nur beschleunigt. Komplexität gehe verloren, „Schwarz-Weiß-Denken“ werde gefördert. „Wenn das passiert, sind wir erledigt. Das Ergebnis ist Krieg.“
Für „erledigt“ verwendet er im Englischen „fucked“. Das „F“ spuckt er förmlich aus. Er sagt es oft und mit Vorliebe. Wie auf eine semantische Krücke stützt er sich darauf, wenn die kultivierte Sprache nicht ausreicht, um die volle Wucht seiner Gefühle zu fassen. Der Sound seines Fatalismus.
Der Saxofonist im Radio lässt sich von den schwermütigen Gedanken nicht beirren, er spielt gegen den Lynchschen Weltschmerz an. Über dem Küchentisch hängt ein gerahmtes Poster der Tragikomödie „Sideways“. Sie erzählt die Geschichte eines frustrierten Lehrers, der darum kämpft, seinen ersten Roman veröffentlicht zu bekommen. Es ist einer seiner Lieblingsfilme, die Parallelen zur Hauptfigur sind offensichtlich.
Schwierige Anfänge als Schriftsteller
Lynchs erste Bücher verkauften sich nur wenige Tausend Mal. Für „Das Lied des Propheten“ klopfte sein Agent über ein Jahr lang bei Verlagen an. Um seine Familie durchzubringen, unterrichtete Lynch kreatives Schreiben. Zweimal stand er kurz vor dem Bankrott, einmal musste er seinen Vater um Geld bitten. Mittlerweile lebt Lynch ein ganz anderes Leben. „Das Lied des Propheten“ verkaufte sich über eine halbe Million Mal. Heute unterrichtet er, weil er unterrichten will.
In seiner Dankesrede zitierte er aus den Apokryphen: „Wenn du das nutzt, was in dir ist, wird es dich retten. Wenn du es nicht nutzt, wird es dich zerstören.“ Das Schreiben habe ihn gerettet, sagte er damals. „Ich musste Schriftsteller werden“, sagt er heute. In seiner Stimme klingt eine Dringlichkeit, die fast an Wahn grenzt. Sie erklärt, warum er vor rund 15 Jahren seine Karriere als Filmkritiker aufgab und sich ganz dem literarischen Schreiben widmete.
Hört man ihm zu, könnte man glauben, dass sein Schreiben eine Mission ist, die einer höheren Macht entspringt – wie die eines Propheten. „Ich suche meine Bücher nicht aus, sie suchen mich aus. Die Geschichten drängen sich mir auf, bis ich akzeptiere, dass sie geschrieben werden müssen.“ Er meditiert bis zu einer Stunde täglich, um Orte zu erreichen, die dem Alltagsbewusstsein verschlossen bleiben. Ob ihm dort schon ein Einfall für sein nächstes Buch gekommen sei? Seine Antwort ist kryptisch: „Ich habe eine Idee, die fast zu schwierig ist, um sie aufzuschreiben.“
Erlösung fand er nicht nur in den Sphären des Schreibens und der Meditation. Wir fahren mit dem Auto zum Fluss Liffey. Er floss schon durch die Bücher von James Joyce, dessen Technik des Bewusstseinsstroms wiederum in Lynchs Stil mündete. Es ist früher Nachmittag, doch die Sonne steht so tief, dass sie eine Wehmut über den Tag legt, als wäre er bereits vergangen. „In meinen dunklen Zeiten bin ich oft hierhergekommen“, sagt Lynch, er trägt jetzt schwarzen Mantel, schwarzen Schal.
Die dunklen Tage liegen noch nicht lange zurück. Vor zwei Jahren erkrankte er an Krebs, kurz darauf zerbrach seine Ehe. Den Krebs hat er inzwischen besiegt, die Ehe ließ sich nicht heilen. Der Weg am Fluss zweigt in eine Wohnstraße ab, die St. Laurence’s Road. Der aufmerksame Leser von Lynchs jüngstem Buch hält hier inne: Der Name ähnelt der Adresse seiner Protagonistin Eilish. Der Autor zeigt auf ein viktorianisches Stadthaus mit Erkerfenstern und Giebeldach – sein erstes Zuhause in Dublin. „Damals war ich ziemlich verloren“, sagt er nüchtern. Ob er sich inzwischen gefunden habe? „Wenn nicht, wäre ich erledigt, oder?“, sagt er und schmunzelt. If I hadn’t, I’d be fucked. Das „F“ spuckt er aus.

